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Rund um die Königin der Dolomiten

durch Klaus Lenser

Heiner Sieger

Markante Massive, mystisch anmutende Bergseen, spektakuläre Ausblicke und feine Einkehradressen – das Wanderangebot Dolomiti Hike Galaxy mit Liftunterstützung ist für jeden Naturliebhaber ein einzigartiges Erlebnis. Das 3.000 Quadratkilometer große Berggebiet bietet rund 10.000 Kilometer markierte Wanderwege, die von Dörfern im Tal bis zu den höchsten Gipfeln führen. Und das mitten im UNESCO Welterbe Dolomiten.

Es braucht nicht mal einen langen Urlaub, um die Faszination der Dolomiten auf Schusters Rappen zu verinnerlichen. Begeisterte Wanderer können auch an nur einem Wochenende so manchen Höhepunkt in der Galaxie des UNESCO Welterbes mitnehmen. Um Zeit und Kräfte zu sparen, bringen die rund 120 Sommerlifte von Dolomiti SuperSummer die Wanderer in die Höhe. Die Bergbahnen laufen von Mitte Juni bis Mitte September und viele sogar bis Allerheiligen. Von der Höhe aus lassen sich längere und panoramareiche Wanderungen in Angriff nehmen und dabei die schönsten Ecken der Dolomiten erleben. Die Kontraste unterwegs könnten dabei größer kaum sein. Nicht nur, dass die Szenerie sich mit jedem Höhengewinn, jeder umkurvten Bergkuppe und dem Wechselspiel von Sonne und Wolken, von Licht und Schatten ständig ändert: Mal schaut man vom höchsten Punkt der Dolomiten, dem Marmolada-Gletscher, hinab auf die Welt. Mal streckt man seine Füße zur Abkühlung in einen versteckten Bergsee. Und erlebt nebenbei auch sonst noch die eine oder andere kulinarische Überraschung.

Für unsere drei Wandertage haben wir als „Basislager“ das Sporthotel in Arabba-Buchenstein gewählt, ein Haus mit traditionell-rustikalem Ambiente und Zeitzeuge der wechselvollen Geschichte der Dolomiten. So wurde Arabba, der höchstgelegene Ortsteil von Buchenstein, im 1. Weltkrieg bis auf die Kirche komplett zerstört. Heute ist er aufgrund seiner Lage zu Füßen der Sella Gruppe ein beliebter Ausgangsort für viele erlebnisreiche Touren per Rad oder Pedes. Der Gletscher der majestätischen Marmolada oder die senkrechten Felswände der Civetta und des Monte Pelmo liegen ebenso nicht weit entfernt wie die vier ladinischen Täler Gadertal, Buchenstein, Fassatal und Grödnertal.

Durch die Bec de Roces zum Lago di Boé

Mit dem Bus 471 geht es in der Morgensonne vom Ortszentrum Arabba in knapp zehn Minuten auf den auf 1875 Meter Meereshöhe gelegenen Campolongo- Pass. Von dort startet der Campolongo-Sessellift hinauf zur Schutzhütte Bec de Roces. Bei einem Capuccino lassen wir dort erst mal den grandiosen Rundblick auf die Dolomitengipfel auf uns wirken: Von Heiligkreuzkofel und Conturines im Osten, über die Tofanen, den Setsass, und den Monte Firmin bei Cortina wandert der Blick über den im 1. Weltkrieg gesprengten Gipfel des Col di Lana hinüber zu Monte Pelmo, Civetta, und den gezackten Padonkamm. Dahinter lugt die Marmolada hervor, die Königin der Dolomiten. Im Rücken dann ragt das Sella-Massiv in den nur leicht bewölkten Himmel, und die Bec de Roces (Felszacken) bilden das Finale eines dramatischen Gesamtensembles.

Das Sporthotel Arabba, zu Füßen des mächtigen Sella-Stocks, ist ein guter Ausgangspunkt für Wanderer und Biker
Das Sporthotel Arabba, zu Füßen des mächtigen Sella-Stocks, ist ein guter Ausgangspunkt für Wanderer und Biker

Durch deren spektakuläre Felsformationen hindurch führt dann der mittelschwere Wanderweg Nr. 636 Richtung Boé, der mit gutem Schuhwerk und Wanderstöcken entsprechend achtsam, aber gut zu meistern ist. Je nach Wetter und Wanderlaune besteht die Wahl zwischen einer kurzen und einer langen Variante. Auf jeden Fall führt die Wanderung dann vom Veneto über die Landesgrenze nach Südtirol, hinein ins Sella-Massiv. Ein paar kleine Rasten zwischendrin tun gut und lohnen nicht zuletzt wegen der abwechslungsreichen Landschaft mit Ausblicken, von denen einer schöner als der andere ist. Auch das samtige Edelweiß ist hier ständiger Begleiter. Der Weg ist das Ziel, heißt es ja und beides führt die Wanderer hier zu einer wundervollen Überraschung von Mutter Natur: In einer von den Sella-Felsen geschützten Kuhle liegt auf 2.275 m Meereshöhe der Lago di Boé, oder auch „Lech de Boé“, wie er auf ladinisch genannt wird. Dieser fast runde Bergsee scheint ein wahres Wunder zu sein – er hat keinen sichtbaren Zufluss oder Abfluss, sondern wird von Schmelzwasser gespeist. Die darin lebenden Mikroorganismen verleihen ihm seine smaragdgrüne Farbe. Der Verlockung, Schuhe und Strümpfe ausziehen, die Hose hochzukrempeln und ein paar Schritte durch das kühle Nass zu waten, kann kaum ein Wanderer widerstehen.

Pizzapan mit Tiroler Speck aus dem Holzofen
Pizzapan mit Tiroler Speck aus dem Holzofen

Mittagsrast mit Tagliata und Pizzapan aus dem Holzofen

Der Rückweg führt dann über den Bergrücken wieder hinunter Richtung Campologo. Hier ist es Zeit für eine Mittagsrast oder eine zünftige Nachmittagsjause. Dazu lädt die, zwar erst 2016 eröffnete, aber längst bei Feinschmeckern bekannte wie beliebte Ütia La Tambra ein. Deren Speisekarte bietet Klassiker wie Spiegeleier mit Speck und Röstkartoffeln oder Polenta mit einheimischem Schmelzkäse, Pilzen und Wurst, ladinische Spezialitäten wie frittierte Kartoffelblätter mit Sauerkraut und Preiselbeer-Marmelade und würzige Schweinerippen bei niedriger Temperatur gegart, mit Röstkartoffeln und Sauerkraut. Aber auch die üppige Tagliata vom Rinderfilet mit Salzflocken und gegrilltem Gemüse sowie gebratenes Hähnchen mit Rosmarin-Rösti und Alabama-Sauce.

Die Empfehlung des Hauses ist aber Pizzapan aus dem Holzofen, in vielen außergewöhnlichen Variationen: mit Culatta-Schinken aus Lagrimone und geräucherter Burrata oder à la Marinara mit Sardellen aus der Kantabrischen See und Kapern, mit Mozzarella, Spanferkel aus Ariccia, Ruccola und Caciocavallo-Käse, mit im Haus mariniertem Lachs, Stracciatella-Käse und gehackten Pistazien oder mit einheimischen Käsesorten und Gewürzmarmeladen. Wer gut wandert, kann eben auch gut essen. Und weil wir gut gegessen haben, verzichten wir für die Rückkehr nach Arabba auf den Linienbus und nehmen stattdessen den etwa einstündigen Wanderweg.

Kulissen-Kino auf dem Weg zum Dach der Dolomiten

„Sei mir gegrüßt, Königin der Dolomiten!“ heißt es dann am zweiten Wandertag. Um 9 Uhr startet von Arabba aus die erste Bergfahrt des Tages mit der Kabinenumlaufbahn Europa 1+2 zum Portavescovo auf 2.478 Metern. Von hier fallen die ersten atemberaubenden Blicke auf auf den etwas wolkenumkränzten und uns direkt gegenüberliegenden Gipfel der Marmolada. In der Ferne sieht man den Rosengarten, die Rotwand, im Rücken die dominante Sellagruppe. Der leichte Wind weht das fröhliche Läuten von Kuhglocken herüber. Vom Hang über uns tönen die Stimmen der frühen Felskletterer herab. Dann treten wir die Wanderung über den geologischen Pfad in Richtung Padonpass an. Der Weg ist mit einem leichten Auf- und Ab zu bewältigen, erfordert aber Trittsicherheit – und wartet auch ebenfalls mit einer Überraschung auf. Denn nach den ersten hundert Metern eröffnet sich der Blick auf dem Fedaia-Pass und vor allem auf den gletscherblauen Fedaia-See zu Füßen der Marmolada.

Beim Wandern im Civetta-Massiv fällt der Blick auch immer wieder auf den erhabenen Monte Pelmo
Beim Wandern im Civetta-Massiv fällt der Blick auch immer wieder auf den erhabenen Monte Pelmo

Mit jeder Steigung, mit jeder Bewegung im Gelände ändert sich auch die Kulisse, und immer wieder tun sich neue imposante Panoramen auf. Mit einem Mal taucht auch die große Civetta – unser Ziel für den nächsten Tag – vor den Augen der Wanderer auf, der vierthöchste Gipfel der Dolomiten. Die Bergdohlen krächzen, und hin und wieder hört man das Pfeifen der Murmeltiere, die ihre Artgenossen warnen. Wer sich die Zeit nimmt, kann trotzdem das eine oder andere der possierlichen Tiere erspähen.

Nach einer knappen Stunde erreichen wir die Padonhütte, wo Zeit genug für einen ersten Cappucino bleibt. Mit dem Sessellift geht es dann ins Tal und zu Fuß über einen wunderschönen Wiesenweg zwischen Heuhütten, duftenden Fichten und lilafarbenen Herbstzeitlosen in Richtung Malga Ciapela. Hier startet die Auffahrt mit der Gondel zum Marmolada-Gipfel. Über zwei Stationen erreichen wir in rund 15 Minuten den Gipfel und überwinden dabei gut 1800 Höhenmeter von 1450 auf 3265 Meter Meereshöhe. Oben angekommen, macht ein plötzlicher Wetterumschwung die Hoffnung auf die grandiose Aussicht vom höchsten Punkt der Dolomiten bis fast nach Venedig einen Strich durch die Rechnung. Nut gut, dass der Reiseveranstalter uns bereits vorgewarnt und die Mitnahme einer Gletscherjacke empfohlen hatte. Denn inzwischen hat auch ein Schneeschauer eingesetzt. Aber es gibt noch eine nette Alternative im Programm – die Besichtigung der Madonnengrotte auf der Punta Rocca (3.265 m) sowie der Besuch des Museums zum Ersten Weltkrieg bei der Mittelstation der Seilbahn.

Zurück in Malga Ciapela erreichen wir nach einem kurzen Marsch Richtung Padonpass die Baita Duvech. Hier zelebriert der Inhaber und Küchenchef Jacoppo Rossi eine eigenwillige einheimische Küche. „Ich koche typische regionale Sachen. Aber keine Knödel wie überall sonst, sondern zum Beispiel mit Steinpilzen, die es gerade hier viele gibt“, erzählt er. „Wenn alle alles gleich machen, braucht es auch jemand, der es anders macht.“ Allein optisch beeindruckend sind bereits die knorrigen Grissini „fatto in casa“ als Küchengruß, mit leichter Knoblauchnote angereichert. Dann serviert er ein feines Süppchen aus Lamosa-Bohnen und als Hauptspeise frische Pasta mit lauwarmem Kartoffel-Steinpilzschaum und Kaisergranaten, pulverisierten schwarzen Oliven, fermentiertem Sellerie, Tomaten-Gelee und Wiesenblüten. Dazu schmeckt ein frischer Lugana Tommasi. „Das Lokal ist eigentlich atypisch für die Gegend, weil vom kulinarischen Niveau zu hoch“, meint Diego Clara, unser Begleiter von Dolomiti SuperSki. „Wäre es im benachbarten Alta Badia beheimatet, würden sich die Leute die Klinke in die Hand geben.“ Für den Rückweg nach Arabba stehen dann zwei Alternativen zur Verfügung – entweder mit dem Shuttlebus oder die Bergfahrt mit dem Sessellift zum Padonpass und zu Fuß zurück über den Hinweg zur Mittelstation der Kabinenumlaufbahn Europa 1+2.

Der Lago de Boè verdankt seine Farbe lebenden Mikroorganismen

Durch die Schwingen der „Eule“ zum Coldai-See

„Berg und Wasser“, so lautet das Motto unseres dritten Wandertags. Nach einem kurzen Transfer nach Alleghe bringt uns die Kabinenumlaufbahn ins Wandergebiet Civetta. Das ist italienisch für „Eule“, und tatsächlich mutetet das Massiv schon von weitem wie eine Eule mit ihrem ausgebreiteten Gefieder an. Von der Gondel aus faszinieren die Ausblicke auf den hellgrün schimmernden Lago di Alleghe unter uns, die Schwingen der Civetta Richtung Süden und die imposante Formation des Monte Pelmo, die im Osten in den blauen Spätsommer-Himmel ragt. Von der Bergstation aus startet auf 1922 Metern eine schöne, knapp fünf Kilometer lange Wanderung durch die östlichen Schwingen der Eule Richtung Coldai-Bergsee. Da uns Seilbahnen die ersten 1000 Höhenmeter Aufstieg ersparen, starten wir am Col dei Baldi in 1922 m Höhe gleich mit prächtigem Rundumblick. Nach einem kurzen Abstieg geht es vom Wiesensattel der Forcella d‘Alleghe auf einem steingepflasterten Karrenweg hinauf zur aussichtsreich gelegenen Schutzhütte Sonino al Coldai. Der bei trittsicheren Wanderern beliebte Aufstieg bietet herrliche Ausblicke auf das Val Zoldana und einen privilegierten Aussichtspunkt auf den Monte Pelmo, aber auch auf die ebenso imposanten Silhouetten von Cristallo und Antelao bei Corvara sowie auf das zerklüftete Profil der Croda da Lago.


Die Coldai-Hütte ist das Reich von Hüttenwirt Luca, der als Fünfjähriger mit seinen Eltern zum ersten Mal hier hochkam und seit inzwischen 54 Jahren lebt. Die Hütte mit ihren 19 Betten ist bei Wanderern aus der ganzen Welt beliebt, denn sie liegt am Dolomiten-Höhenweg, der vom Pragser Wildsee bis nach Belluno führt. Dieser Weg ist zwar in einer Woche zu schaffen. „Aber um bei uns übernachten zu können, sollte man schon ein Jahr vorher reservieren“, empfiehlt Hüttenwirt Luca. Die imposante Bergwelt fasziniert ihn jeden Tag aufs Neue: „Jeden Morgen wache ich auf und das Panorama ist immer anders, es war mir noch keinen Tag langweilig hier oben.“ In der Nebensaison entspannt er bei der Jagd, aber immer allein. „Wenn ich unterwegs zwei Menschen sehe, gehe ich wieder heim“, sagt er und lächelt. Aber seine Gäste profitieren dennoch von seinen Ausflügen: Die Spezialität auf der regional geprägten Speisekarte ist das Gulasch vom selbst geschossenen Hirsch.

Auf dem Weg zum Coldai-See ist die Refugio Coldai eine willkommene Zwischenstation
Auf dem Weg zum Coldai-See ist die Refugio Coldai eine willkommene Zwischenstation

Bruschetta mit Lardo und „Cafe Furbo“

Hinter der Hütte führt der Weg dann weiter, und über die Scharte Forcella Coldai gelangen wir zum malerischen Lago di Coldai, zu Füßen der mächtigen, mehrere Kilometer breiten Felsmauer des Civetta-Massivs. Auch hier tut es gut, die Füße im kühlen Nass zu erfrischen.

Der Rückweg führt dann noch vorbei an einer kleinen Hütte bei Piani die Pezzé, die von Primo betrieben wird, der in jüngeren Jahren jahrzehntelang der Trainer der Eishockeymannschaft des HC Alleghe war. Heute bekocht er als Hobby gerne kleine Gästegruppen. Zur Einstimmung auf sein spezielles Menü reicht er erstmal eine Runde Prosecco. Dann zieht er aus dem Backofen schlichte Bruschettas hervor, die mit einem knusprigen Lardo-Speck aus dem benachbarten Fassatal belegt sind. Dazu stellt er noch zwei Platten mit Käse aus dem Colle Santa Lucia, der letzten ladinischen Bastion Richtung Süden auf den Tisch. Zur flüssigen Begleitung zieht er die Korken aus einem Lugana Monte del Fra, einem Montells Colli Asolani sowie einem I’ll Rosso Dell Abrazia.

Die Hauptspeise hat es dann in sich, aber für hungrige Wanderer ist sie ein Gedicht: Eine riesige Pfanne mit Pasta „Wodka Peperoncina al Primo“, verfeinert mit Pancetta, Petersilie und Zitronenabrieb. Zur besseren Verdauung reicht er dann zunächst einen „Cafe Furbo“ – einheimisch für Espresso mit Grappa. Und zum Abschluss zieht er noch diverse selbst angesetzte Schnäpse aus dem Schrank: einen Nusseler, einen Zirben und einen Kräuter. Nur gut, dass der Rückweg zur Gondel nicht mehr allzu weit ist und uns die Bergbahn gemütlich wieder zurück nach Alleghe bringt.

Fotos: Heiner Sieger


www.dolomitisupersummer.com
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www.sporthotelarabba.com